Die Franziskaner (Kinder)
Reihe: Stadtgeschichte München
Staffel 8 · Folge 6
Die Franziskaner in München
Stellt euch vor, ihr steht heute mitten in München.
Vielleicht steht ihr am Max-Joseph-Platz.
Vor euch ist das große Nationaltheater.
Menschen gehen über den Platz.
Autos fahren vorbei.
Vielleicht wartet jemand auf den Bus.
Alles sieht ganz normal aus.
Aber wenn wir mehr als siebenhundert Jahre zurückgehen, sieht dieser Ort ganz anders aus.
Damals gibt es hier kein Nationaltheater.
Es gibt keinen Max-Joseph-Platz.
Und auch die großen Gebäude der heutigen Residenz sehen noch nicht so aus wie heute.
Stattdessen stehen hier eine Kirche und ein großes Kloster.
In diesem Kloster leben Franziskaner.
Mönche, die nach den Regeln des heiligen Franz von Assisi leben wollen.
Fast fünfhundert Jahre lang ist dieses Kloster ein wichtiger Teil Münchens.
Dann wird es abgebrochen.
Und heute erinnert auf den ersten Blick kaum noch etwas daran.
Aber seine Geschichte ist noch da.
In alten Büchern.
In Urkunden.
In Bildern.
In Plänen.
Und in einigen Kunstwerken, die bis heute erhalten geblieben sind.
Beginnen wir ganz am Anfang.
München ist im dreizehnten Jahrhundert noch eine kleine Stadt.
Die Stadt wächst langsam.
Immer mehr Menschen kommen hierher.
Handwerker arbeiten in ihren Werkstätten.
Händler verkaufen ihre Waren.
Und die Herzöge von Bayern bauen ihre Stadt weiter aus.
In dieser Zeit kommen die Franziskaner nach München.
Wann genau die ersten Franziskaner angekommen sind, wissen wir nicht.
Eine alte Überlieferung nennt das Jahr eintausendzweihunderteinundzwanzig.
Aber dafür gibt es keinen sicheren Beweis.
Historiker unterscheiden deshalb zwischen einer alten Überlieferung und einem sicheren Nachweis.
Der erste sichere Nachweis stammt aus dem Jahr eintausendzweihundertsiebenundfünfzig.
Am dreizehnten Januar dieses Jahres stellt Papst Alexander der Vierte eine Urkunde aus.
In dieser Urkunde wird die Franziskanerkirche in München genannt.
Damit wissen wir:
Spätestens im Jahr eintausendzweihundertsiebenundfünfzig gibt es in München ein Franziskanerkloster.
Das erste Kloster liegt am Anger.
Dort befindet sich heute die Kirche St. Jakob am Anger.
Aber wer sind diese Franziskaner eigentlich?
Die Franziskaner sind Mönche.
Ihr Orden geht auf Franz von Assisi zurück.
Franz von Assisi lebte in Italien.
Er wollte einfach leben.
Er wollte arm leben.
Und er wollte den Menschen helfen.
Er wollte nicht in einem prächtigen Palast leben.
Er wollte den Menschen nahe sein.
Deshalb gingen die Franziskaner mitten in die Städte.
Sie predigten.
Sie beteten mit den Menschen.
Sie hörten Beichte.
Sie kümmerten sich um Kranke.
Und sie halfen Menschen, die Unterstützung brauchten.
Die Franziskaner gehören deshalb zu den sogenannten Bettelorden.
Das Wort klingt heute vielleicht etwas seltsam.
Ein Bettelorden ist ein religiöser Orden, dessen Mitglieder möglichst einfach und arm leben wollen.
Die Mönche sollen nicht reich werden.
Sie sollen sich auf ihr religiöses Leben und auf ihre Aufgaben für andere Menschen konzentrieren.
Auch in München werden die Franziskaner schnell wichtig.
Doch bald brauchen sie mehr Platz.
München wächst.
Und auch das Gebiet rund um die herzogliche Burg verändert sich.
Herzog Ludwig der Zweite unterstützt die Franziskaner.
Er wird auch Ludwig der Strenge genannt.
Um das Jahr eintausendzweihundertzweiundachtzig beginnt der Bau eines neuen Franziskanerklosters.
Der neue Standort liegt nördlich der herzoglichen Burg.
Dort gibt es damals eine große freie Fläche.
Eine Wiese.
Auf dem Gelände steht bereits eine kleine Kapelle.
Sie heißt Agneskapelle.
Diese Kapelle wird in die neue Klosteranlage einbezogen.
Das Gelände ist sehr groß.
Und jetzt kommt etwas, das man sich heute nur schwer vorstellen kann.
Das Kloster liegt ungefähr dort, wo heute die Münchner Residenz, das Nationaltheater und der Max-Joseph-Platz liegen.
Wenn ihr also heute am Max-Joseph-Platz steht, könnt ihr euch vorstellen:
Hier standen früher die Gebäude eines großen Franziskanerklosters.
Am sechzehnten Oktober eintausendzweihundertvierundachtzig ziehen die Franziskaner um.
Sie verlassen ihr altes Kloster am Anger.
Nun leben sie in dem neuen Kloster nördlich der herzoglichen Burg.
Das alte Kloster am Anger wird später von Klarissen genutzt.
Die Klarissen gehören ebenfalls zur franziskanischen Bewegung.
So gibt es in München nun verschiedene Orte, an denen die franziskanische Gemeinschaft lebt.
Das neue Männerkloster wird in den folgenden Jahrhunderten immer wichtiger.
Zum Kloster gehört eine große Kirche.
Sie ist ungefähr vierundsiebzig Meter lang.
Und etwa fünfundzwanzig Meter breit.
Für die damalige Zeit ist das eine sehr große Kirche.
Sie hat drei Schiffe.
Das bedeutet:
In der Kirche gibt es ein großes Mittelschiff.
Daneben liegen zwei Seitenschiffe.
Die Kirche ist aber nicht nur für die Mönche da.
Auch die Menschen aus München kommen hierher.
Sie feiern Gottesdienste.
Sie hören die Predigten der Franziskaner.
Und sie können zur Beichte gehen.
Das Kloster ist deshalb eng mit dem Leben der Stadt verbunden.
Im Inneren der Kirche gibt es eine Trennung zwischen dem Bereich der Mönche und dem Bereich der Besucher.
Diese Trennung nennt man Lettner.
Im Chor beten und singen die Mönche.
Im Langhaus versammeln sich die Menschen.
So hat die Kirche verschiedene Bereiche.
Aber alle gehören zum gleichen Kloster.
Die Franziskaner wollen arm leben.
Das ist ein wichtiger Teil ihrer Lebensweise.
Doch nun entsteht ein Problem.
Ein großes Kloster braucht viele Dinge.
Die Mönche brauchen Essen.
Sie brauchen Kleidung.
Sie brauchen Bücher.
Die Gebäude müssen repariert werden.
Und Menschen schenken dem Kloster Häuser und Grundstücke.
Damit stellt sich eine schwierige Frage:
Wie kann ein Orden arm leben, wenn sein Kloster immer mehr besitzt?
Über diese Frage wird innerhalb der Kirche lange gestritten.
Im Jahr eintausendzweihundertneunundsiebzig entscheidet Papst Nikolaus der Dritte über die Frage des Besitzes.
Die Franziskaner dürfen Vermögen und Grundstücke nutzen.
Damit kann auch das Münchner Kloster seinen Besitz weiter verwalten.
Das Kloster wird immer größer.
Und seine Bedeutung wächst.
Im vierzehnten Jahrhundert wird München sogar zu einem wichtigen Ort für einen großen Streit innerhalb der Kirche.
Es geht wieder um die Armut der Franziskaner.
Einige Franziskaner sagen:
Wir müssen besonders streng nach den Regeln des heiligen Franz von Assisi leben.
Wir dürfen nicht reich werden.
Wir müssen einfach leben.
Diese Franziskaner werden Spiritualen genannt.
Der Streit wird immer größer.
Auch der Papst ist daran beteiligt.
Und auch Kaiser Ludwig der Bayer spielt eine wichtige Rolle.
Ein bedeutender Franziskaner ist Michael von Cesena.
Er ist der Leiter des Franziskanerordens.
Er gerät mit dem Papst in Konflikt.
Im Jahr eintausenddreihundertachtundzwanzig flieht er zum Kaiser Ludwig dem Bayern.
Und dann kommt ein Mann nach München, der später sehr berühmt wird.
Sein Name ist Wilhelm von Ockham.
Wilhelm von Ockham kommt aus England.
Er ist Philosoph und Theologe.
Das bedeutet:
Er beschäftigt sich mit schwierigen Fragen über Gott, die Kirche und die Welt.
Im Januar eintausenddreihundertdreißig kommt Wilhelm von Ockham mit seinen Gefährten nach München.
Er lebt im Umfeld von Kaiser Ludwig dem Bayern.
Und er bleibt in München bis zu seinem Tod.
Am neunten April eintausenddreihundertsiebenundvierzig stirbt Wilhelm von Ockham in München.
Damit wird München zu einem Ort, an dem über sehr wichtige Fragen diskutiert wird.
Nicht nur für die Stadt.
Sondern für die gesamte Kirche.
Auch das Franziskanerkloster selbst ist ein wichtiger Treffpunkt des Ordens.
Hier finden große Versammlungen statt.
Im Jahr eintausenddreihundertelf treffen sich Franziskaner aus der Region.
Auch im Jahr eintausenddreihundertneunundfünfzig gibt es ein solches Treffen.
Und im Jahr eintausendvierhundertfünf findet in München sogar eine große Versammlung des gesamten Franziskanerordens statt.
Das Kloster ist also nicht nur ein Ort zum Beten.
Es ist auch ein Ort zum Lernen.
Ein Ort für Gespräche.
Und ein Ort für wichtige Entscheidungen.
Doch dann erlebt München eine schreckliche Katastrophe.
Ein großes Feuer.
Es ist das Jahr eintausenddreihundertsiebenundzwanzig.
Am vierzehnten Februar bricht ein Feuer aus.
Das Feuer beginnt beim Kloster der Klarissen am Anger.
Dann breitet es sich weiter aus.
Viele Gebäude in München werden zerstört.
Auch das Franziskanerkloster wird schwer beschädigt.
Die Mönche können nicht einfach in ihr normales Klosterleben zurückkehren.
Viele Gebäude müssen neu gebaut werden.
Der Wiederaufbau dauert sehr lange.
Viele Jahre.
Und schließlich sogar Jahrzehnte.
Im Jahr dreizehnhundertfünfundsiebzig wird die Kirche umfassend renoviert.
Um dreizehnhundertfünfundachtzig können die Franziskaner wieder in einen richtigen Klosterbau einziehen.
Und im Jahr dreizehnhundertzweiundneunzig ist auch das Langhaus der Kirche wieder fertig.
Stellt euch vor, wie lange das gedauert hat.
Heute können große Gebäude mit Maschinen gebaut werden.
Damals gab es keine modernen Bagger.
Keine Lastwagen.
Und keine großen elektrischen Kräne.
Viele Arbeiten mussten von Hand erledigt werden.
Stein für Stein.
Holz für Holz.
Und Mauer für Mauer.
Doch das Kloster wird wieder aufgebaut.
Und es wird erneut zu einem wichtigen Ort in München.
Im Kloster gibt es auch einen besonderen Schatz.
Eine Reliquie des heiligen Antonius von Padua.
Eine Reliquie ist ein körperlicher Überrest eines Heiligen.
In München wird ein Oberarmknochen des heiligen Antonius verehrt.
Nach der Überlieferung hat Kaiser Ludwig der Bayer diese Reliquie nach München gebracht.
Während der Zeit der großen Pest wird sie versteckt.
Der Knochen wird angeblich eingemauert.
Viele Jahre später wird die Reliquie wiedergefunden.
Das geschieht im Jahr eintausenddreihundertvierundneunzig.
Nun kommen viele Menschen zum Kloster.
Sie wollen die Reliquie sehen.
Sie wollen für den heiligen Antonius beten.
Die Franziskaner hoffen deshalb, dass München zu einem wichtigen Wallfahrtsort wird.
Ein Vorbild ist Andechs.
Dort werden wichtige Reliquien verehrt.
Viele Menschen kommen dorthin.
Aber München wird nicht zu einem Wallfahrtsort von gleicher Bedeutung.
Trotzdem bleibt der heilige Antonius für die Franziskaner sehr wichtig.
Im Laufe der Zeit wächst das Kloster weiter.
Es gibt nicht nur die Kirche.
Es gibt auch viele andere Gebäude.
Es gibt Räume, in denen die Mönche schlafen.
Es gibt eine Küche.
Es gibt einen Speisesaal.
Es gibt eine Bibliothek.
Und ein Archiv.
In einem Archiv werden wichtige Dokumente aufbewahrt.
Es gibt Werkstätten.
Es gibt einen Garten.
Und es gibt einen Friedhof.
Sogar ein Brauhaus gehört zum Kloster.
Ein Brauhaus ist bereits für das Jahr eintausendvierhundertvierunddreißig nachgewiesen.
Das Kloster ist damit fast wie eine kleine eigene Welt.
Viele Menschen arbeiten dort.
Die Mönche beten und studieren.
In der Küche wird gekocht.
In der Bäckerei wird Brot hergestellt.
In den Werkstätten wird gearbeitet.
In der Bibliothek werden Bücher gelesen.
Und im Archiv werden wichtige Dokumente aufbewahrt.
Doch auch innerhalb des Klosters gibt es immer wieder Fragen.
Die Franziskaner wollen arm leben.
Aber das Kloster besitzt inzwischen viele Dinge.
Manche Menschen finden:
Die Franziskaner müssen wieder strenger leben.
Sie sollen wieder näher an die Regeln des heiligen Franz von Assisi zurückkehren.
Im Jahr eintausendvierhundertachtzig kommt es deshalb zu einer wichtigen Reform.
Strengere Franziskaner übernehmen das Kloster.
Sie werden Observanten genannt.
Sie wollen die Regeln des Ordens besonders genau beachten.
Mehr als hundert Jahre später gibt es eine weitere Reform.
Im Jahr eintausendsechshundertzwanzig kommen Reformaten nach München.
Auch sie wollen besonders streng nach den Regeln des Ordens leben.
Das Münchner Kloster wird zum Hauptkloster der bayerischen Reformaten.
Das Kloster bleibt also weiterhin ein wichtiger Ort.
Im siebzehnten Jahrhundert wird die Kirche verändert.
In den Jahren eintausendsechshundertelf und eintausendsechshundertzwölf wird sie stark umgebaut.
Die Kirche bekommt eine neue Ausstattung.
Auch das Dach wird verändert.
Der Stil der Renaissance wird jetzt wichtig.
Viele Menschen helfen mit Geld.
Sie spenden für die Bauarbeiten.
Auch Herzog Maximilian unterstützt den Umbau.
Er spendet eintausend Gulden.
So wird die Kirche immer prächtiger.
Doch die Zeit des großen Klosters geht langsam zu Ende.
Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts verändert sich München.
Die Stadt soll moderner werden.
Es gibt neue Pläne für die Stadt.
Und man braucht Platz für neue Gebäude.
Schon im Jahr eintausendsiebenhundertzweiundneunzig wird darüber nachgedacht, das Franziskanerkloster abzubrechen.
Auf dem Gelände soll möglicherweise ein großes Theater entstehen.
Aber zunächst bleibt das Kloster noch bestehen.
Dann kommt das Jahr eintausendachthundertundzwei.
Dieses Jahr verändert die Geschichte der Franziskaner in München für immer.
Es kommt zur Säkularisation.
Das Wort ist schwierig.
Gemeint ist:
Klöster und andere kirchliche Einrichtungen werden aufgelöst.
Ihr Besitz wird vom Staat übernommen.
Viele Klöster in Bayern müssen schließen.
Auch das Franziskanerkloster in München.
Am fünfundzwanzigsten Januar eintausendachthundertundzwei wird die Aufhebung der Bettelordensklöster beschlossen.
Für die Franziskaner beginnt nun eine sehr schwere Zeit.
Am zwölften Februar werden die Räume des Klosters kontrolliert.
Das Provinzarchiv wird versiegelt.
Das bedeutet:
Niemand darf einfach mehr an die Dokumente heran.
Am dritten März erfahren die Mönche, dass sie das Kloster verlassen müssen.
Und dann kommt der vierte März eintausendachthundertundzwei.
Die Franziskaner verlassen München.
Sie gehen nach Ingolstadt.
Auch die Reliquie des heiligen Antonius wird mitgenommen.
Doch damit ist das Ende noch nicht erreicht.
Nun soll auch das Klostergebäude verschwinden.
Am zwanzigsten März wird der Abbruch angeordnet.
Die Kirche wird ausgeräumt.
Bilder und andere Kunstwerke werden weggebracht.
Grabdenkmäler werden entfernt.
Bücher werden verteilt.
Viele Bücher und Handschriften kommen in die Hofbibliothek.
Diese Bibliothek ist heute die Bayerische Staatsbibliothek.
Auch das Archiv des Klosters kommt weitgehend in staatlichen Besitz.
Einige Kunstwerke können gerettet werden.
Sie kommen später nach St. Anna.
Dadurch bleiben wenigstens Teile der Erinnerung an das alte Kloster erhalten.
Im Sommer und Herbst des Jahres eintausendachthundertundzwei wird das Kloster abgebrochen.
Die Arbeiten sind schwierig.
Es kommt sogar zu Unfällen.
Aber der Abbruch geht weiter.
Im November ist das alte Franziskanerkloster vollständig verschwunden.
Fast fünfhundert Jahre lang hatte es dort gestanden.
Nun ist nichts mehr davon zu sehen.
Das Gelände wird eingeebnet.
Später entsteht hier der Max-Joseph-Platz.
Und schließlich wird auf dem ehemaligen Klostergelände das Hof- und Nationaltheater gebaut.
Wenn ihr heute vor dem Nationaltheater steht, könnt ihr euch deshalb eine ungewöhnliche Geschichte vorstellen.
Unter euren Füßen war früher einmal ein großes Franziskanerkloster.
Hier gingen Mönche durch die Gänge.
Hier läuteten Kirchenglocken.
Hier wurde gebetet.
Hier wurden Bücher gelesen.
Hier wurde Bier gebraut.
Hier arbeiteten Handwerker.
Und hier kamen Menschen zum Gottesdienst.
Heute ist davon fast nichts mehr sichtbar.
Aber die Geschichte geht weiter.
Denn die Franziskaner verschwinden nicht für immer aus München.
Im Jahr eintausendachthundertsiebenundzwanzig dürfen sie wieder nach München zurückkehren.
Diesmal bekommen sie ein neues Zuhause.
Es ist St. Anna im Lehel.
Damit beginnt ein neuer Abschnitt der Geschichte.
Der Mittelpunkt der Franziskaner liegt nun nicht mehr bei der Residenz.
Er liegt im Lehel.
Im Jahr eintausendachthundertachtundzwanzig übernehmen die Franziskaner auch die Aufgaben einer Pfarrei.
Das bedeutet:
Sie kümmern sich wieder um die Menschen in ihrer Gemeinde.
Sie feiern Gottesdienste.
Sie predigen.
Sie hören Beichte.
Und sie begleiten Menschen in ihrem Alltag.
St. Anna wird zu einem neuen Mittelpunkt der Franziskaner in München.
Einige Kunstwerke aus dem alten Franziskanerkloster kommen ebenfalls nach St. Anna.
Dadurch bleibt eine Verbindung zwischen den beiden Orten erhalten.
Das alte Kloster ist verschwunden.
Aber Teile seiner Geschichte sind in St. Anna weiter sichtbar.
Im neunzehnten Jahrhundert wächst München stark.
Immer mehr Menschen leben in der Stadt.
Die Franziskaner bleiben in München aktiv.
Ihr Name taucht sogar in einem anderen Bereich des Münchner Lebens auf.
Es gibt eine Brauerei mit dem Namen Franziskaner.
Sie wird später mit dem Leistbräu verbunden.
Im Jahr eintausendneunhundertundzweiundzwanzig wird die Brauerei mit der Spatenbrauerei zusammengeführt.
Das gehört zur Wirtschafts- und Alltagsgeschichte Münchens.
Es ist aber wichtig zu unterscheiden:
Die Brauerei und das Franziskanerkloster sind nicht dasselbe.
Der Name Franziskaner wird in München aber dadurch noch bekannter.
Im Jahr eintausendneunhundertdreiundzwanzig übernehmen die Franziskaner zusätzlich die neu errichtete Pfarrei St. Gabriel in Haidhausen.
Damit sind sie auch in einem weiteren Stadtteil Münchens tätig.
Doch dann kommt der Zweite Weltkrieg.
Auch München wird schwer von Bombenangriffen getroffen.
In der Nacht vom vierundzwanzigsten auf den fünfundzwanzigsten April eintausendneunhundertvierundvierzig wird St. Anna schwer beschädigt.
Die Kirche brennt fast vollständig aus.
Eine alte Marienikone geht verloren.
Sie war seit dem achtzehnten Jahrhundert in St. Anna verehrt worden.
Nach dem Krieg muss die Kirche wieder aufgebaut werden.
Und diesmal bleibt sie erhalten.
St. Anna wird wiederhergestellt.
Die Geschichte der Franziskaner in München geht weiter.
Auch der heilige Antonius bleibt wichtig.
In den Jahren eintausendneunhundertfünfundsiebzig und eintausendneunhundertsechsundsiebzig wird der Antoniusaltar in St. Anna neu gestaltet.
Der heilige Antonius ist der Patron der bayerischen Franziskaner.
Damit erinnert der Altar auch an die lange Geschichte des Ordens.
Denn schon im alten Kloster bei der Residenz wurde eine Reliquie des heiligen Antonius verehrt.
Heute ist diese Geschichte mit St. Anna verbunden.
Wenn wir nun die gesamte Geschichte betrachten, können wir drei wichtige Orte nennen.
Der erste Ort ist St. Jakob am Anger.
Dort beginnt die sicher belegte Geschichte der Franziskaner in München.
Der zweite Ort ist das große Franziskanerkloster nördlich der herzoglichen Burg.
Es stand ungefähr dort, wo heute der Max-Joseph-Platz und das Nationaltheater liegen.
Dort lebten die Franziskaner fast fünfhundert Jahre.
Der dritte Ort ist St. Anna im Lehel.
Dort setzten die Franziskaner ihre Geschichte nach ihrer Rückkehr nach München fort.
Drei Orte.
Eine Geschichte.
Mehr als siebenhundert Jahre.
Und vielleicht ist das Interessanteste:
Das alte Kloster ist verschwunden.
Aber die Geschichte ist geblieben.
Historiker können alte Pläne anschauen.
Sie können Urkunden lesen.
Sie können Bücher untersuchen.
Sie können Bilder betrachten.
Und sie können Kunstwerke erforschen.
So können wir uns heute vorstellen, wie das alte Kloster einmal ausgesehen hat.
Wir können uns vorstellen, wie die Mönche durch die Kreuzgänge gingen.
Wie sie in der Kirche beteten.
Wie sie in der Bibliothek arbeiteten.
Wie Menschen zum Gottesdienst kamen.
Und wie Pilger zur Reliquie des heiligen Antonius kamen.
Wir können uns sogar vorstellen, wie sich das Leben im Kloster angehört haben könnte.
Vielleicht hört man Schritte auf dem Steinboden.
Eine Tür wird geöffnet.
In der Küche klappern Töpfe.
In der Werkstatt wird gearbeitet.
Und aus der Kirche sind die Glocken zu hören.
Natürlich können wir diese Geräusche heute nicht mehr hören.
Aber wir können uns die Vergangenheit vorstellen.
Und genau das macht Geschichte so spannend.
Denn eine Stadt besteht nicht nur aus den Gebäuden, die heute vor uns stehen.
Eine Stadt besteht aus vielen Schichten.
Eine Schicht liegt über der anderen.
Gebäude werden gebaut.
Gebäude werden verändert.
Manche werden zerstört.
Andere entstehen an ihrer Stelle.
Und manchmal verschwindet ein Gebäude vollständig.
Aber seine Geschichte bleibt.
So ist es auch mit dem Franziskanerkloster.
Wenn ihr heute am Max-Joseph-Platz steht, seht ihr einen großen modernen Platz.
Aber vor mehr als zweihundert Jahren sah dieser Ort ganz anders aus.
Und vor mehr als siebenhundert Jahren begann hier eine Geschichte, die München über Jahrhunderte begleiten sollte.
Die Franziskaner kamen im Mittelalter nach München.
Sie wollten einfach leben.
Sie wollten den Menschen helfen.
Sie wollten predigen und ihren Glauben weitergeben.
Aus einer kleinen Gemeinschaft entstand ein großes Kloster.
Das Kloster wurde zu einem Ort des Gebets.
Zu einem Ort des Lernens.
Zu einem Ort der Seelsorge.
Und zeitweise sogar zu einem Ort, an dem wichtige Fragen der europäischen Kirchenpolitik diskutiert wurden.
Das Kloster wurde durch Feuer zerstört.
Es wurde wieder aufgebaut.
Es wurde verändert.
Es wurde immer größer.
Und schließlich wurde es im Jahr eintausendachthundertundzwei selbst zerstört.
Doch die Franziskaner kamen zurück.
Sie fanden in St. Anna ein neues Zuhause.
Und dort ging ihre Geschichte weiter.
Wenn ihr also das nächste Mal am Max-Joseph-Platz seid, könnt ihr einen kleinen Gedanken ausprobieren.
Schaut euch um.
Schaut auf das Nationaltheater.
Schaut auf den Platz.
Und stellt euch vor:
Hier stand einmal eine große Kirche.
Hier stand ein großes Kloster.
Hier lebten Franziskaner.
Hier wurde gebetet.
Hier wurde gelernt.
Hier wurde gearbeitet.
Und hier haben Menschen fast fünfhundert Jahre lang ihre Spuren hinterlassen.
Man sieht sie heute nicht mehr.
Aber sie sind Teil der Geschichte Münchens.
Und vielleicht ist genau das das Spannende an Geschichte.
Manchmal muss man nicht nur anschauen, was heute da ist.
Manchmal muss man sich vorstellen, was früher einmal da war.
Vom Anger führte der Weg der Franziskaner zu ihrem großen Kloster bei der Residenz.
Von dort führte die Geschichte nach St. Anna im Lehel.
Das alte Kloster ist verschwunden.
Die Franziskaner aber sind geblieben.
Und ihre Geschichte gehört bis heute zu München.
Das ist die Geschichte der Franziskaner in München.