Überblick über die koloniale Vergangenheit

Die Geschichte des Kolonialismus in München

Von kolonialen Handelsinteressen über imperiale Weltbilder bis zur Aufarbeitung der Vergangenheit

Einleitung: München und die koloniale Vergangenheit

München war keine Kolonialhauptstadt wie Berlin und besaß keine überseeischen Kolonien. Dennoch war die Stadt eng mit der deutschen Kolonialgeschichte verbunden. Kaufleute, Unternehmen, Wissenschaftler, Sammler, Künstler, Militärs und politische Organisationen trugen dazu bei, koloniale Interessen zu fördern und koloniale Vorstellungen in der Gesellschaft zu verbreiten.

Die Spuren dieser Vergangenheit finden sich bis heute im Münchner Stadtbild: in Straßennamen, Denkmälern, Museen, historischen Handelsunternehmen und den Überresten einer Unterhaltungskultur, in der Menschen aus kolonisierten Gesellschaften zur Schau gestellt wurden. Auch die Geschichte des Konsums gehört dazu. Kaffee, Kakao, Tee, Gewürze und andere Waren, die heute selbstverständlich erscheinen, waren eng mit globalen Handelsstrukturen verbunden, die vielfach auf kolonialer Herrschaft, Zwangsarbeit und wirtschaftlicher Ausbeutung beruhten.

Die Geschichte des Kolonialismus in München ist deshalb mehr als die Geschichte einiger Straßen und Denkmäler. Sie zeigt, wie koloniale Vorstellungen in einer Stadt ohne eigene Kolonie gesellschaftliche Bedeutung gewinnen konnten – und wie lange es dauerte, bis ihre Folgen öffentlich diskutiert wurden.

1. Die Voraussetzungen: Europa, Weltwirtschaft und koloniale Expansion

Die europäischen Kolonialreiche entstanden lange vor der Gründung des Deutschen Kaiserreiches. Seit dem 15. und 16. Jahrhundert eroberten europäische Mächte Gebiete in Afrika, Asien und Amerika. Die koloniale Expansion war mit der Aneignung von Land und Rohstoffen, der Kontrolle von Handelswegen, der Versklavung von Menschen und der gewaltsamen Unterwerfung ganzer Gesellschaften verbunden.

Der transatlantische Sklavenhandel und die Plantagenwirtschaft prägten insbesondere die Geschichte Amerikas und der Karibik. Zucker, Tabak, Kaffee und andere Produkte gelangten in immer größeren Mengen nach Europa. Mit der Industrialisierung wuchs der Bedarf an Rohstoffen wie Baumwolle, Kautschuk und Palmöl.

Auch Bayern und München waren in diese europäischen Wirtschafts- und Wissenszusammenhänge eingebunden. Die Stadt entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Verwaltungs-, Handels-, Wissenschafts- und Kulturzentrum. Koloniale Waren wurden gehandelt und konsumiert, während Reiseberichte, Ausstellungen und wissenschaftliche Sammlungen Vorstellungen über außereuropäische Gesellschaften verbreiteten.

Kolonialismus war daher nicht ausschließlich eine Angelegenheit der Kolonialverwaltung oder des Militärs. Er wirkte auch in den europäischen Metropolen – in Geschäften, Schulen, Museen, politischen Vereinigungen und im Alltag.

2. 1871–1914: Das Deutsche Kaiserreich wird Kolonialmacht

Mit der Reichsgründung von 1871 trat Deutschland verstärkt in den Wettbewerb der europäischen Kolonialmächte ein. Ab 1884 stellte das Deutsche Reich Gebiete unter seine koloniale Herrschaft. Dazu gehörten Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, Deutsch-Ostafrika, große Teile des heutigen Tansania sowie Gebiete der heutigen Länder Ruanda und Burundi, Kamerun, Togo, Deutsch-Neuguinea und weitere pazifische Inselgebiete. Hinzu kam das Pachtgebiet Kiautschou mit dem Hafen Tsingtau in China.

Diese Expansion wurde von wirtschaftlichen Interessen, nationalistischem Prestigedenken, strategischen Überlegungen und rassistischen Vorstellungen getragen. Koloniale Propaganda stellte die Eroberung fremder Gebiete häufig als Kulturmission dar. Tatsächlich beruhte die Durchsetzung deutscher Herrschaft vielfach auf militärischer Gewalt, Enteignungen, Zwangsarbeit und der Unterdrückung lokalen Widerstands.

München als Teil der kolonialen Gesellschaft

In München unterstützten kolonial orientierte Kreise die Vorstellung, Deutschland müsse im internationalen Wettbewerb ebenfalls über ein Kolonialreich verfügen. Kolonialvereine, wirtschaftliche Interessen und nationalistische Milieus trugen dazu bei, die koloniale Expansion als Ausdruck nationaler Größe darzustellen.

Kolonialismus war damit auch eine Frage des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Die Vorstellung, Deutschland könne durch überseeische Besitzungen zu einer Weltmacht aufsteigen, verband sich mit rassistischen Hierarchien und der Behauptung einer europäischen Überlegenheit.

Diese Ideologie beeinflusste nicht nur die Wahrnehmung Afrikas und Asiens. Sie prägte ebenso den Umgang mit Menschen, die aus kolonisierten Gebieten nach Europa kamen, sowie die Art und Weise, in der außereuropäische Kulturen gesammelt, beschrieben und ausgestellt wurden.

3. Kolonialwaren: Die Weltwirtschaft im Münchner Alltag

Ein besonders anschaulicher Zugang zur Münchner Kolonialgeschichte ist der Handel mit Kolonialwaren.

Kaffee, Tee, Kakao, Zucker, Tabak, Gewürze und Südfrüchte wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu wichtigen Bestandteilen des europäischen Konsums. Die Nachfrage nach diesen Produkten förderte den Ausbau internationaler Handelsnetze. In zahlreichen Anbaugebieten wurden Plantagenwirtschaft, koloniale Abgaben, Zwangsarbeit und andere Formen wirtschaftlicher Abhängigkeit eingesetzt.

Die Kathreiner AG am Ostbahnhof

Eine wichtige Spur führt zum Münchner Handelsunternehmen Kathreiner. Das Unternehmen handelte unter anderem mit Kaffee, Tee, Gewürzen, Südfrüchten und Zucker. Sein Standort am Münchner Ostbahnhof war ein bedeutender Ort des Warenhandels.

Die Kathreiner AG bezeichnete sich 1914 in der Bayerischen Kolonialwarenzeitung als größtes Kolonialwarengeschäft Deutschlands. Das Unternehmen war zudem Mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft und bewarb Erzeugnisse mit Bezeichnungen wie „Usambara-Kaffee“ und „Samoa-Kakao“.

Solche Produktnamen verbanden Waren mit bestimmten Kolonialgebieten. Sie machten die koloniale Geografie zu einem Bestandteil der Werbung und des alltäglichen Konsums. Die Herkunft der Produkte wurde vermarktet, während die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen ihrer Erzeugung häufig unsichtbar blieben.

Die Geschichte der Kathreiner AG zeigt, dass koloniale Verflechtungen in München nicht allein auf militärische oder politische Aktivitäten beschränkt waren. Auch Handel und Konsum waren Teil dieser Geschichte.

Vom Kolonialwarenladen zum modernen Konsum

Die Bezeichnung „Kolonialwaren“ überdauerte das Ende des deutschen Kolonialreiches. Der Begriff wurde weiterhin für bestimmte Lebensmittel und Handelswaren verwendet, obwohl Deutschland seine Kolonien bereits nach dem Ersten Weltkrieg verloren hatte.

Damit blieb die koloniale Vergangenheit auch in einer scheinbar unpolitischen Alltagssprache präsent. Die Waren verschwanden nicht aus den Geschäften, nur weil sich die politischen Verhältnisse änderten.

Bis heute stellt sich deshalb die Frage, unter welchen Bedingungen globale Rohstoffe produziert werden und in welchem Umfang historische Abhängigkeiten in internationalen Wirtschaftsbeziehungen fortwirken.

4. 1890–1914: Völkerschauen und die Inszenierung des Fremden

Koloniale Weltbilder verbreiteten sich nicht nur durch Bücher und politische Reden. Sie wurden auch zu einem Bestandteil der Unterhaltungskultur.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert waren sogenannte Völkerschauen in Deutschland verbreitet. Dabei wurden Menschen aus Afrika, Asien und anderen außereuropäischen Regionen vor einem europäischen Publikum präsentiert. Die Veranstaltungen versprachen Einblicke in fremde Kulturen, dienten jedoch häufig dazu, rassistische Vorstellungen zu bestätigen und Menschen zu exotisieren.

Das Oktoberfest als Schauplatz kolonialer Unterhaltung

In München organisierte der Unternehmer Carl Gabriel sogenannte Völkerschauen auf dem Oktoberfest. Die Veranstaltungen zogen teilweise mehr als 10.000 Besucherinnen und Besucher am Tag an.

Die zur Schau gestellten Menschen wurden in arrangierten Szenen präsentiert, die ein vermeintlich authentisches Leben in fernen Ländern vermitteln sollten. Die Inszenierungen folgten jedoch den Erwartungen des europäischen Publikums und waren von kolonialen Vorstellungen geprägt.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist eine sogenannte Beduinenkarawane, deren Mitglieder 1890 gegen Misshandlungen und das Verbot protestierten, die Stadt zu betreten. Der Vorgang verdeutlicht, dass die Beteiligten nicht lediglich passive Objekte der Unterhaltung waren, sondern sich gegen ihre Behandlung zur Wehr setzten.

Das Internationale Handelspanoptikum in der Neuhauser Straße

Ein weiterer Schauplatz war das Internationale Handelspanoptikum in der Neuhauser Straße, das von 1894 bis 1902 bestand. Dort wurden neben Wachsfiguren und anatomischen Modellen auch Menschen aus kolonisierten Gebieten präsentiert.

1901 wurde eine Gruppe von Samoanerinnen zur Schau gestellt, 1902 eine Gruppe aus der deutschen Kolonie Togo.

Solche Veranstaltungen verbanden Unterhaltung, kommerzielle Interessen und vermeintliche Wissenschaft. Sie vermittelten eine rassistische Weltordnung, in der weiße Europäer als Maßstab der Zivilisation erschienen und Menschen aus anderen Gesellschaften als exotisch, fremdartig oder vermeintlich rückständig dargestellt wurden.

Die Geschichte dieser Schauen gehört deshalb zu einer kritischen Geschichte des Münchner Vergnügungslebens. Sie zeigt, dass koloniale Vorstellungen auch dort verbreitet wurden, wo Menschen vor allem Unterhaltung suchten.

5. Wissenschaft, Sammlungen und koloniale Wissensproduktion

Auch Wissenschaft und Museen waren in koloniale Zusammenhänge eingebunden. Reiseberichte, ethnografische Sammlungen, Fotografien und Ausstellungsobjekte prägten das europäische Wissen über Afrika, Asien und andere Weltregionen.

Dabei waren die Bedingungen der Sammlung entscheidend. Objekte gelangten durch Handel, Schenkungen, Expeditionen und persönliche Netzwerke nach Europa. In manchen Fällen standen ihre Erwerbung und ihr Transport in engem Zusammenhang mit militärischer Eroberung oder kolonialer Machtausübung.

Das Münchner Stadtmuseum und die Frage nach der Herkunft

Die Ausstellung DECOLONIZE MÜNCHEN von 2013/2014 richtete den Blick ausdrücklich auf die kolonialen Spuren in der Stadt und in den eigenen Museumsbeständen.

Sie untersuchte, wer Objekte gesammelt und nach München gebracht hatte, welche Vorstellungen mit ihrer Präsentation verbunden waren und wie koloniale Machtverhältnisse das Wissen über andere Gesellschaften geprägt hatten.

Damit änderte sich die Perspektive: Nicht allein die ausgestellten Gegenstände und die Kulturen ihrer Herkunft standen im Mittelpunkt. Ebenso wichtig wurden die Sammler, die Institutionen und die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Objekte nach München gelangten.

Denkmäler und Künstler

Koloniale Vorstellungen fanden auch in der Kunst ihren Ausdruck. Ein Beispiel ist die Bismarckstatue des Bildhauers Fritz Behn am Deutschen Museum. Behn vertrat kolonialrassistische Positionen und befürwortete unter anderem Segregation in den Kolonien.

Die Auseinandersetzung mit solchen Werken fragt nicht nur nach ihrer künstlerischen Gestaltung. Sie untersucht auch, welche politischen Vorstellungen ihre Urheber vertraten und welche Botschaften Denkmäler im öffentlichen Raum vermitteln.

Die historische Bedeutung eines Kunstwerks lässt sich daher nicht vollständig von seinem gesellschaftlichen und politischen Entstehungszusammenhang trennen.

6. 1904–1908: Der Völkermord an Herero und Nama

Zu den schwersten Verbrechen der deutschen Kolonialgeschichte gehört der Völkermord an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia.

Die deutsche Kolonialherrschaft hatte die Lebensgrundlagen der einheimischen Bevölkerung durch Landnahme, wirtschaftliche Ausbeutung und politische Unterdrückung zunehmend eingeschränkt. Im Januar 1904 erhoben sich die Herero gegen die deutsche Herrschaft. 1905 begann auch der organisierte Widerstand der Nama.

Lothar von Trotha und der Vernichtungsfeldzug

Im Juni 1904 übernahm Generalleutnant Lothar von Trotha das Kommando über die deutschen Truppen in Deutsch-Südwestafrika. Nach der Schlacht am Waterberg im August 1904 flohen zahlreiche Herero in die wasserarme Omaheke.

Von Trotha ließ die Fluchtbewegung militärisch abriegeln und verkündete am 2. Oktober 1904 einen Vernichtungsbefehl. Darin erklärte er, die Herero müssten das Land verlassen; innerhalb des deutschen Herrschaftsgebietes sollten sie erschossen werden, auch Frauen und Kinder.

Die systematische Verfolgung, die Abriegelung von Wasserstellen, Vertreibung, Hunger und Durst führten zum Tod vieler Tausender Menschen. Auch die später eingerichteten Internierungslager waren von katastrophalen Lebensbedingungen, Zwangsarbeit und hoher Sterblichkeit geprägt.

Der Vernichtungsbefehl wurde im Dezember 1904 auf Weisung aus Berlin aufgehoben. Die Gewalt endete damit jedoch nicht. Die Überlebenden waren weiterhin Entrechtung, Enteignung und Zwangsarbeit ausgesetzt. Auch die Nama wurden mit militärischer Gewalt bekämpft.

Die genaue Zahl der Opfer ist umstritten; die Folgen für die betroffenen Gesellschaften waren verheerend.

Der Völkermord und seine Erinnerung in München

Die Person Lothar von Trotha wurde später in München durch eine Straßenbenennung geehrt. Die Von-Trotha-Straße in Trudering war Teil eines kolonial geprägten Straßengebietes, dessen Entstehung eng mit der Erinnerungspolitik der 1930er-Jahre verbunden war.

Die spätere Umbenennung dieser Straße in Hererostraße stellte einen Perspektivwechsel dar: Nicht länger der deutsche Befehlshaber, sondern die von seiner Vernichtungspolitik betroffene Bevölkerungsgruppe sollte im Stadtbild sichtbar sein.

Damit wurde ein Teil der Münchner Stadtgeschichte unmittelbar mit der Geschichte Namibias verbunden. Der Straßenname erinnert heute an die Herero und verweist auf die Notwendigkeit, die kolonialen Verbrechen nicht aus der deutschen Erinnerung auszublenden.

7. 1914–1919: Weltkrieg und Ende des deutschen Kolonialreiches

Mit dem Ersten Weltkrieg gerieten die deutschen Kolonien in den militärischen Konflikt. Die meisten wurden von gegnerischen Truppen besetzt. In Deutsch-Ostafrika dauerte der Krieg unter dem Kommando Paul von Lettow-Vorbecks bis zum Waffenstillstand im November 1918.

Nach dem Krieg musste Deutschland seine Kolonien aufgrund des Versailler Vertrages abtreten. Die Gebiete wurden unter Mandatsverwaltung des Völkerbundes gestellt und später in unterschiedlichen politischen Formen verwaltet.

Das Ende der deutschen Kolonialherrschaft bedeutete jedoch nicht das Ende kolonialer Denkweisen. Kolonialverbände, ehemalige Kolonialsoldaten und nationalistische Kreise forderten eine Rückgewinnung der Kolonien. Sie pflegten die Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit und stellten die militärische Expansion häufig als nationale Leistung dar.

Auch in München blieb diese Erinnerung politisch wirksam. Die koloniale Vergangenheit wurde nicht nur rückblickend dargestellt, sondern diente als Grundlage für Forderungen nach einer erneuten deutschen Weltmachtstellung.

8. 1919–1933: Kolonialrevisionismus und die Rückforderung des Weltreiches

Nach dem Verlust der Kolonien entstand eine Bewegung, die den Versailler Vertrag revidieren und Deutschland wieder Kolonialbesitz verschaffen wollte.

Kolonialverbände, ehemalige Militärangehörige und nationalistische Organisationen verbreiteten die Vorstellung, Deutschland sei um einen ihm zustehenden Anteil an der Welt beraubt worden. In dieser Darstellung wurden die kolonisierten Gesellschaften häufig auf passive Empfänger deutscher Verwaltung und vermeintlicher Entwicklung reduziert.

Die Gewalt der Kolonialherrschaft, die Enteignung der Bevölkerung und der Widerstand gegen die deutsche Besatzung traten dabei in den Hintergrund.

In München verband sich der Kolonialrevisionismus mit nationalistischen Milieus und später mit der nationalsozialistischen Ideologie. Der öffentliche Raum wurde zu einem Ort, an dem koloniale Ansprüche symbolisch aufrechterhalten werden konnten.

Die Geschichte der Münchner Kolonialstraßen lässt sich deshalb nicht allein aus den Ereignissen der Kaiserzeit erklären. Entscheidend ist auch die Frage, warum bestimmte Namen nach dem Ende des Kolonialreiches ausgewählt und dauerhaft im Stadtbild verankert wurden.

9. 1932–1933: Entstehung des Münchner Kolonialviertels

Einen zentralen Wendepunkt bildet die Entstehung der sogenannten Kolonialviertel in Trudering und Bogenhausen.

Am 1. April 1932 wurde die zuvor selbstständige Gemeinde Trudering nach München eingemeindet. Die notwendigen Straßenumbenennungen nahm der nationalsozialistisch dominierte Stadtrat am 22. Juni 1933 zum Anlass, ein Kolonialviertel zu schaffen beziehungsweise bestehende koloniale Bezüge gezielt zu bündeln.

Die Benennungen erinnerten an deutsche Kolonialgebiete, Schauplätze militärischer Auseinandersetzungen und Personen, die an der kolonialen Eroberung und Unterdrückung beteiligt gewesen waren.

Zu den Straßennamen gehörten unter anderem:

  • Wißmannstraße
  • Dominikstraße
  • Von-Gravenreuth-Straße
  • Von-Trotha-Straße
  • Von-Erckert-Straße
  • Lüderitzstraße
  • Leutweinstraße
  • Waterbergstraße
  • Togostraße
  • Kameruner Straße
  • Tsingtauer Straße
  • Samoastraße

Die Auswahl der Namen war nicht neutral. Sie stand im Zusammenhang mit dem Bestreben kolonialer Verbände und nationalsozialistischer Kreise, die deutsche Kolonialgeschichte zu verherrlichen und den Verlust der Kolonien als ungerecht darzustellen.

Die geehrten Kolonialoffiziere

Hermann von Wißmann war als militärischer Führer und Gouverneur in Deutsch-Ostafrika tätig. Seine Laufbahn war nicht nur durch Expeditionen geprägt, sondern auch durch die gewaltsame Niederschlagung von Widerstand und militärische Strafaktionen.

Hans Dominik war ein deutscher Offizier in Kamerun. Er leitete Feldzüge gegen afrikanische Gesellschaften und war an gewaltsamen Unterwerfungsaktionen beteiligt.

Karl von Gravenreuth war in der deutschen Kolonialexpansion in Kamerun tätig. Seine Aktivitäten standen im Zusammenhang mit der gewaltsamen Durchsetzung deutscher Herrschaftsansprüche.

Lothar von Trotha wurde durch den Vernichtungsfeldzug gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika bekannt.

Die Benennung von Straßen nach solchen Personen verlieh ihnen im Alltag eine Form öffentlicher Anerkennung. Die historischen Erläuterungen stellten ihre Tätigkeiten lange Zeit vielfach aus der Perspektive der deutschen Kolonialverwaltung dar.

Das Münchner Kolonialviertel wurde dadurch zu einem sichtbaren Zeugnis des Kolonialrevisionismus und seiner Verankerung im nationalsozialistischen München.

10. 1933–1945: Koloniale Vorstellungen im Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus knüpfte an ältere kolonialrevisionistische Forderungen an. Die Rückgewinnung der verlorenen Kolonien gehörte zu den Zielen kolonialpolitischer Organisationen und wurde in nationalistischen Kreisen als Teil einer künftigen deutschen Weltmachtstellung propagiert.

Koloniale Vorstellungen und rassistische Ideologien überschnitten sich mit der nationalsozialistischen Weltanschauung. Die Vorstellung einer hierarchisch geordneten Menschheit, in der bestimmte Bevölkerungsgruppen als minderwertig betrachtet wurden, war ein gemeinsames ideologisches Element.

Die nationalsozialistische Straßenpolitik in München muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Die kolonialen Straßennamen waren Ausdruck einer Erinnerungspolitik, die die militärischen Leistungen deutscher Kolonialakteure hervorhob und die Perspektiven der unterworfenen Gesellschaften weitgehend ausblendete.

Kolonialismus und Nationalsozialismus sind historisch nicht gleichzusetzen. Sie weisen jedoch Verbindungen in rassistischen Denkmustern, Gewaltpraktiken und der Vorstellung ungleicher Rechte für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auf. Die Untersuchung dieser Zusammenhänge ist wichtig, um die Geschichte beider Herrschaftssysteme angemessen zu verstehen.

11. 1945–1989: Das koloniale Erbe bleibt bestehen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in München zahlreiche Straßen umbenannt, die mit dem Nationalsozialismus verbunden waren. Auch einzelne Straßennamen mit kolonialen Bezügen wurden verändert oder erhielten neue Erläuterungen.

Eine umfassende Aufarbeitung des Kolonialismus fand jedoch zunächst nicht statt. Die öffentliche Erinnerung konzentrierte sich zunehmend auf die nationalsozialistischen Verbrechen und den Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Kolonialgeschichte geriet demgegenüber häufig in den Hintergrund.

Das koloniale Erbe verschwand dadurch nicht. Straßennamen blieben bestehen, Waren wurden weiterhin gehandelt, und koloniale Bildwelten lebten in Werbung, Unterhaltung und populären Darstellungen fort.

Kolonialwaren und die Nachkriegsgesellschaft

Der Begriff „Kolonialwaren“ blieb auch nach 1945 im Sprachgebrauch erhalten. Der Handel mit Kaffee, Tee, Kakao und Gewürzen wurde zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Wirtschaftslebens.

Ein weiterer Hinweis auf die lange Nachwirkung kolonialer Begriffe ist die IKOFA, die Internationale Kolonialwaren- und Feinkost-Ausstellung, die 1956 in München stattfand. Der Name verbindet die ältere Tradition des Kolonialwarenhandels mit der Konsum- und Ausstellungskultur der Nachkriegszeit.

Eine solche Veranstaltung ist nicht mit einer Wiederherstellung kolonialer Herrschaft gleichzusetzen. Sie zeigt aber, wie lange kolonial geprägte Begriffe und wirtschaftliche Traditionen nach dem Ende des deutschen Kolonialreiches weiterlebten.

Die langsame Wiederentdeckung der Kolonialgeschichte

Seit den 1960er- und 1970er-Jahren wurden koloniale Herrschaft und ihre Folgen zunehmend Gegenstand kritischer Forschung und politischer Diskussion. Die Unabhängigkeit vieler afrikanischer und asiatischer Staaten sowie antikoloniale Bewegungen veränderten die internationale Debatte.

In Deutschland entwickelte sich das öffentliche Interesse jedoch nur schrittweise. Die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus blieb lange weniger präsent als die Erinnerung an die nationalsozialistische Diktatur.

In München führte diese Entwicklung dazu, dass die kolonialen Straßennamen zwar vorhanden blieben, ihre historische Bedeutung aber zunehmend hinterfragt wurde.

12. 1990er-Jahre bis 2003: Erste Schritte zur kritischen Aufarbeitung

Mit dem wachsenden Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte wurden auch die Münchner Straßennamen stärker untersucht.

1993 wurde entschieden, die Von-Trotha-Straße beizubehalten, zugleich aber ihre Erläuterung so zu verändern, dass die Benennung nicht mehr ausschließlich auf den General Lothar von Trotha bezogen wurde. Im Jahr 2000 wurde die Karl-Peters-Straße in Bogenhausen in Ida-Pfeiffer-Straße umbenannt.

Diese Schritte bildeten eine Vorgeschichte der späteren Debatte.

Der Stadtratsantrag von 2003

Am 16. Juni 2003 beantragte der Stadtrat Siegfried Benker von Bündnis 90/Die Grünen eine umfassende Untersuchung der Münchner Straßennamen mit kolonialem Bezug.

Das Stadtarchiv sollte prüfen, welche Straßen nach Personen, Ereignissen und Orten aus der Geschichte der deutschen Kolonien benannt worden waren. Anschließend sollte der Stadtrat Vorschläge zum Umgang mit diesen Namen erhalten.

Im Mittelpunkt standen vier besonders umstrittene Straßen: die Von-Trotha-Straße, die Dominikstraße, die Wißmannstraße und die Von-Gravenreuth-Straße.

Die Debatte entwickelte sich zu einer Auseinandersetzung über Geschichte, Erinnerung und die Bedeutung öffentlicher Ehrungen. Während Befürworter einer Umbenennung auf die kolonialen Verbrechen verwiesen, betonten Gegner unter anderem die historischen Entstehungsbedingungen der Straßennamen und die praktischen Folgen für die Anwohner.

Der Streit zeigte, dass die Bewertung kolonialer Vergangenheit nicht allein eine wissenschaftliche Frage war. Sie berührte auch das Selbstverständnis der Stadt und die Frage, welche Personen und Ereignisse im öffentlichen Raum geehrt werden sollten.

13. 2003–2009: Der Streit um die kolonialen Straßennamen

Die Auseinandersetzung dauerte mehrere Jahre. Das Stadtarchiv untersuchte die historischen Hintergründe der betroffenen Straßen und bestätigte die Notwendigkeit einer kritischen Neubewertung.

Am 8. Dezember 2005 beschloss der zuständige Kommunalausschuss die Umbenennung der Von-Trotha-Straße. Zugleich wurde festgelegt, dass die 29 Straßen mit kolonialem Bezug durch Erläuterungsschilder historisch eingeordnet werden sollten.

Die Entscheidung führte zu weiteren Diskussionen. Gegner der Umbenennung verwiesen auf die Belastungen für die Anwohner und vertraten teilweise die Auffassung, historische Straßennamen müssten aus ihrer Entstehungszeit heraus verstanden werden. Befürworter hielten dagegen, dass öffentliche Ehrungen nicht ohne die Verbrechen der geehrten Personen betrachtet werden könnten.

Von der Von-Trotha-Straße zur Hererostraße

Am 5. Oktober 2006 bestätigte die Vollversammlung des Münchner Stadtrates die Umbenennung der Von-Trotha-Straße in Hererostraße. Die Klage gegen den Beschluss wurde am 11. Juli 2007 endgültig abgewiesen.

Am 9. November 2007 wurden die neuen Straßenschilder angebracht.

Die Umbenennung war ein wichtiger Schritt in der Münchner Erinnerungskultur. Sie verschob den Schwerpunkt von der Ehrung eines deutschen Kolonialoffiziers hin zur Erinnerung an die von seiner Vernichtungspolitik betroffene Bevölkerungsgruppe.

Neue Erläuterungstafeln

Auch die übrigen Straßennamen wurden neu eingeordnet. Am 12. Februar 2009 bestätigte der Stadtrat die Anbringung von Erläuterungstafeln mit überarbeiteten historischen Texten.

Die neuen Erläuterungen sollten die kolonialen Verbrechen und die Rolle einzelner Offiziere sichtbar machen. So wurde beispielsweise die frühere Beschreibung von Hans Dominik als einem Mann, der sich um die Erforschung und Befriedung Kameruns verdient gemacht habe, durch eine kritische Darstellung seiner Verantwortung für brutale Unterdrückungsmaßnahmen und Hinrichtungen ersetzt.

Damit veränderte sich die öffentliche Vermittlung der Kolonialgeschichte, auch wenn die meisten Straßennamen bestehen blieben.

14. 2010–2012: Der Ausländerbeirat fordert weitere Veränderungen

Die Debatte endete nicht mit der Umbenennung der Hererostraße.

Am 26. März 2012 beschloss der Ausländerbeirat der Landeshauptstadt München einstimmig, die Umbenennung weiterer Straßen mit kolonialem Bezug zu fordern und die deutsche Kolonialgeschichte umfassender aufzuarbeiten.

In seiner Rede betonte Hamado Dipama die Perspektive der von kolonialer Gewalt betroffenen Gesellschaften. Er verwies auf den Völkermord an den Herero und Nama, die Enteignung und Zwangsarbeit sowie auf die Verschleppung menschlicher Überreste nach Deutschland.

Die Forderung nach einer kritischen Neubewertung der Straßennamen wurde damit ausdrücklich zu einer Frage gesellschaftlicher Teilhabe. Menschen, deren Familiengeschichte oder eigene Lebensrealität mit kolonialen und rassistischen Erfahrungen verbunden ist, sollten an der Gestaltung der öffentlichen Erinnerung beteiligt werden.

Am 25. September 2012 fand im Münchner Rathaus eine Podiumsdiskussion über die Zukunft der kolonialen Straßennamen statt. Unterschiedliche Positionen wurden öffentlich erörtert.

Die Diskussion machte deutlich, dass die Frage nach Straßennamen eng mit grundsätzlichen Fragen verbunden ist: Wie wird Geschichte erzählt? Wer entscheidet darüber, welche Personen geehrt werden? Und welche Bedeutung hat es, wenn eine Stadt ihre historischen Symbole kritisch überprüft?

15. 2013–2014: DECOLONIZE MÜNCHEN

Einen weiteren wichtigen Schritt stellte das Projekt DECOLONIZE MÜNCHEN dar. Vom 25. Oktober 2013 bis zum 23. Februar 2014 präsentierte das Münchner Stadtmuseum eine Ausstellung mit umfangreichem Begleitprogramm.

Das Projekt verband drei Bereiche: die Wanderausstellung freedom roads! zu kolonialen Straßennamen, die Ausstellung Spuren · Blicke · Stören zu kolonialen Spuren in München und im Museum sowie eine Installation des Künstlers Georges Adéagbo.

Die Ausstellung betrachtete die koloniale Vergangenheit nicht als abgeschlossenes Kapitel. Sie fragte, wie koloniale Vorstellungen in der Gegenwart weiterwirken – in Sprache, Bildern, Museen, Werbung und gesellschaftlichen Beziehungen.

Eine neue Perspektive auf die Stadt

Für München wurden historische Orte und Institutionen untersucht. Dazu gehörten kolonial geprägte Straßennamen, das Handelsunternehmen Kathreiner, die Völkerschauen und die Sammlungs- und Ausstellungspraxis kultureller Einrichtungen.

Die Ausstellung machte deutlich, dass eine Stadtgeschichte, die sich ausschließlich auf politische Entscheidungen und militärische Ereignisse konzentriert, wichtige Zusammenhänge ausblendet.

Kolonialismus wirkte ebenso durch den Konsum, die Unterhaltung, die Wissenschaft und die Darstellung außereuropäischer Gesellschaften. Die Ausstellung forderte deshalb dazu auf, auch die eigenen Institutionen und gewohnten Bilder kritisch zu betrachten.

Beteiligung und gesellschaftliche Debatte

DECOLONIZE MÜNCHEN wurde durch Führungen, Workshops, Diskussionen, Filmvorführungen und weitere Veranstaltungen ergänzt. Fachleute, Kunstschaffende, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Vertreter städtischer Einrichtungen kamen miteinander ins Gespräch.

Das Projekt gab insbesondere Schwarzen Menschen und antikolonialen Initiativen Raum, ihre Perspektiven auf die Geschichte und Gegenwart Münchens einzubringen.

Es ging damit nicht nur um die Vermittlung historischen Wissens. Im Mittelpunkt stand auch die Frage, wie sich eine Stadt verändern kann, wenn sie die kolonialen Voraussetzungen ihrer eigenen Kultur und ihrer öffentlichen Erinnerung untersucht.

16. Koloniale Spuren im heutigen München

Die Geschichte des Kolonialismus ist im Münchner Stadtbild weiterhin erkennbar. Manche Spuren sind offensichtlich, andere erschließen sich erst durch historische Recherche.

Straßennamen

In Bogenhausen und Trudering-Riem erinnern zahlreiche Straßen an deutsche Kolonialgebiete, koloniale Schauplätze und Personen aus der Kolonialgeschichte. Die Hererostraße ist das Ergebnis einer kritischen Neubewertung. Andere Straßen wurden durch Erläuterungstafeln historisch eingeordnet.

Denkmäler

Denkmäler wie die Bismarckstatue am Deutschen Museum werfen die Frage auf, welche politischen und weltanschaulichen Vorstellungen sich in öffentlichen Kunstwerken widerspiegeln. Ihre Geschichte umfasst nicht nur die dargestellten Personen, sondern auch die Haltung ihrer Urheber und die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Errichtung.

Museen und Sammlungen

Museale Sammlungen können Zeugnisse kolonialer Begegnungen und Machtverhältnisse enthalten. Zu untersuchen sind die Herkunft der Objekte, die Umstände ihres Erwerbs und die Art ihrer Präsentation.

Besonders wichtig ist die Frage, ob menschliche Überreste oder Kulturgüter unter Zwang, durch unrechtmäßige Aneignung oder im Zusammenhang mit militärischer Gewalt nach Deutschland gelangten.

Handel und Werbung

Historische Unternehmen, Produktbezeichnungen und Werbematerialien machen sichtbar, wie koloniale Gebiete in die Münchner Wirtschaft und den Konsum eingebunden waren.

Die Geschichte der Kathreiner AG und die Tradition der Kolonialwaren zeigen, wie eng der Alltag der Stadt mit globalen Warenströmen verbunden war.

Unterhaltung und rassistische Bildwelten

Die Völkerschauen auf dem Oktoberfest und im Internationalen Handelspanoptikum verdeutlichen, wie koloniale Vorstellungen über Unterhaltung verbreitet wurden. Die Untersuchung historischer Fotografien, Plakate und Werbemittel ermöglicht es, die damaligen Darstellungen zu analysieren und ihre rassistischen Voraussetzungen sichtbar zu machen.

17. Kolonialismus und Gegenwart: Was bedeutet postkoloniale Erinnerung?

Die Aufarbeitung der Münchner Kolonialgeschichte endet nicht mit der Beschreibung historischer Ereignisse. Sie fragt auch danach, wie koloniale Machtverhältnisse die Gegenwart geprägt haben.

Koloniale Herrschaft war mit rassistischen Vorstellungen verbunden, die Menschen nach vermeintlichen körperlichen und kulturellen Eigenschaften hierarchisierten. Solche Vorstellungen verschwanden nicht automatisch mit dem Ende der Kolonialreiche.

In der Gegenwart werden koloniale Kontinuitäten unter anderem in der Sprache, in Bildern, in gesellschaftlichen Zuschreibungen und in ungleichen wirtschaftlichen Beziehungen untersucht. Dabei ist zwischen historischen Kontinuitäten, veränderten Rahmenbedingungen und neuen Formen von Ungleichheit zu unterscheiden.

Für München bedeutet dies, dass die Stadtgeschichte auch die Erfahrungen Schwarzer Menschen und anderer von Rassismus betroffener Gruppen berücksichtigen muss. Sie gehören nicht nur zur Gegenwart der Stadt, sondern sind Teil ihrer Geschichte.

Eine umfassende Erinnerungskultur sollte deshalb unterschiedliche Perspektiven einbeziehen, historische Quellen kritisch prüfen und die Bedingungen sichtbar machen, unter denen koloniale Vorstellungen entstanden und weitergegeben wurden.

18. Fazit: München muss seine Kolonialgeschichte sichtbar machen

Die Geschichte des Kolonialismus in München ist eine Geschichte globaler Verflechtungen. Sie reicht vom Handel mit Kolonialwaren über Völkerschauen und wissenschaftliche Sammlungen bis zu den kolonialen Straßennamen, die in den 1930er-Jahren geschaffen oder gebündelt wurden.

Die Stadt war nicht das Zentrum des deutschen Kolonialreiches. Dennoch trug sie zur Verbreitung kolonialer Weltbilder bei und war in wirtschaftliche, kulturelle und politische Zusammenhänge eingebunden, die über Europa hinausreichten.

Die Debatten seit 2003, die Umbenennung der Von-Trotha-Straße in Hererostraße und das Projekt DECOLONIZE MÜNCHEN zeigen, wie sich der Umgang mit dieser Vergangenheit verändert hat. Historische Forschung, zivilgesellschaftliches Engagement und die Beteiligung der von Rassismus betroffenen Menschen haben dazu beigetragen, verdrängte Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Eine kritische Auseinandersetzung mit kolonialen Spuren bedeutet nicht, Geschichte auszulöschen. Sie bedeutet, die Geschichte genauer zu erzählen: mit den Tätern und den Opfern, mit den wirtschaftlichen Interessen und den rassistischen Vorstellungen, mit den politischen Entscheidungen und den Erfahrungen der Menschen, die unter kolonialer Herrschaft lebten.

Die Geschichte des Kolonialismus in München ist daher nicht nur ein Rückblick auf das 19. und 20. Jahrhundert. Sie ist zugleich eine Aufgabe für die Gegenwart. Erst wenn die kolonialen Verflechtungen der Stadt umfassend dokumentiert und öffentlich vermittelt werden, lässt sich verstehen, wie eng Münchens Geschichte mit der Geschichte der Welt verbunden ist.

Literatur und Quellen

  • Bahl, Eva; Bergh, Sarah; Della, Tahir; Pfeiffer, Zara S.; Rühlemann, Martin (Hg.): DECOLONIZE MÜNCHEN. Dokumentation und Debatte. Katalog zur Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, 25. Oktober 2013 bis 23. Februar 2014.
  • Ausländerbeirat der Landeshauptstadt München (Hg.): Koloniale Straßennamen – wie lange noch? Dokumentation der Podiumsdiskussion vom 25. September 2012, München 2013.
  • Nord Süd Forum München e. V.: Münchens Kolonialviertel. Deutsche Kolonialgeschichte und die Auseinandersetzung um Münchner Straßennamen.
  • Stadtarchiv München: Gutachten und Dokumentationen zur Geschichte der kolonialen Straßennamen in München.
  • Dreesbach, Anne: Gezähmte Wilde. Zurschaustellungen „exotischer“ Menschen in Deutschland. Frankfurt am Main 2005.
  • Osterhammel, Jürgen; Jansen, Jan C.: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen. München 2012.