Die Mariensäule
Reihe: Stadtgeschichte München
Staffel 8 · Folge 2 · Dauer: 24:04
Schlagworte: Mariensäule
Die Münchner Mariensäule
Geschichte und Symbolik eines barocken Monuments
Mitten im Herzen Münchens steht eines der bekanntesten Denkmäler der Stadt: die Mariensäule auf dem Marienplatz.
Für viele Besucher ist sie vor allem eine vergoldete Madonna auf einer hohen Säule.
Doch hinter dieser scheinbar einfachen Darstellung verbirgt sich ein äußerst komplexes Bildprogramm.
Die Mariensäule erzählt von Krieg und Frieden, von Herrschaft und Frömmigkeit, von der katholischen Gegenreformation und vom Schutz Bayerns durch die Gottesmutter.
Ihre Geschichte reicht sogar weiter zurück als das Denkmal selbst.
Denn die Madonna an ihrer Spitze entstand bereits im Jahr 1593.
Erst mehr als vier Jahrzehnte später wurde sie zum Mittelpunkt der Mariensäule.
Wer das Denkmal verstehen möchte, sollte deshalb nicht nur die Madonna betrachten.
Man muss die Säule von unten nach oben lesen.
Vom irdischen Fundament.
Über Kampf und Schutz.
Durch die Sphäre der Engel.
Bis hinauf zur himmlischen Madonna.
Beginnen wir mit der Madonna.
Im Jahr 1593 schuf der Bildhauer Hubert Gerhard eine große bronzene Marienfigur mit dem Jesuskind.
Sie war ursprünglich nicht für eine Mariensäule bestimmt.
Vorgesehen war sie für das Grabmal Herzog Wilhelms V.
Die Figur gehört damit in die Zeit des späten 16. Jahrhunderts und besitzt eine eigene Geschichte, lange bevor sie auf dem Münchner Marienplatz aufgestellt wurde.
Von 1607 bis 1620 stand sie am Hochaltar der Münchner Frauenkirche.
Dort war sie Teil des kirchlichen Bildprogramms.
1620 wurde sie vom Hochaltar entfernt.
Die Figur verschwand damit zunächst aus ihrer prominenten Stellung.
Fast zwei Jahrzehnte später sollte sie jedoch eine völlig neue Bedeutung erhalten.
Wir befinden uns inzwischen im Jahr 1632.
Der Dreißigjährige Krieg hatte Bayern erreicht.
Schwedische Truppen überschritten den Lech.
Landshut wurde besetzt.
Am 17. Mai 1632 marschierten schwedische Truppen in München ein.
Für Kurfürst Maximilian I. von Bayern war die Situation dramatisch.
München war seine Residenzstadt.
Bayern war eines der wichtigsten katholischen Territorien im Heiligen Römischen Reich.
Die schwedische Besetzung bedrohte deshalb nicht nur eine Stadt.
Sie bedrohte die politische und konfessionelle Ordnung, für die Maximilian stand.
In dieser Situation entstand das Gelübde, das später mit der Mariensäule verbunden wurde.
Maximilian gelobte, im Falle der Verschonung Münchens und Landshuts ein religiöses Werk zu errichten.
Das Gelübde wurde später mit der Mariensäule verbunden.
Der genaue ursprüngliche Wortlaut des Gelübdes ist allerdings nicht erhalten.
Die politische und militärische Lage änderte sich.
Am 6. September 1634 wurde das schwedische Heer bei Nördlingen entscheidend geschlagen.
Damit verbesserte sich die Lage für Bayern.
Hinzu kam das Ende der schweren Pestepidemie.
Im Mai 1635 kehrte Maximilian nach München zurück.
Nun musste entschieden werden, wie das Gelübde eingelöst werden sollte.
Der erste Gedanke war noch vergleichsweise traditionell.
Man plante einen Marienfesttag.
Ein feierliches Hochamt.
Und einen neuen Altar.
Das Vorhaben sollte also zunächst innerhalb der Kirche bleiben.
Doch dann änderte sich die Idee grundlegend.
Im September 1635 wurde über eine andere Lösung beraten.
Aus der religiösen Stiftung sollte ein öffentliches Monument werden.
Das war ein entscheidender Schritt.
Die Mariensäule sollte nicht in einer Kirche stehen.
Sie sollte mitten in der Stadt stehen.
Auf dem damaligen Schrannenplatz, dem heutigen Marienplatz.
Damit wurde die Marienverehrung aus dem Kirchenraum in den öffentlichen Raum getragen.
Die Gottesmutter sollte dort sichtbar sein, wo sich das politische und gesellschaftliche Leben der Stadt abspielte.
Das Denkmal erhielt dadurch eine doppelte Funktion.
Es war religiös.
Aber es war zugleich öffentlich und politisch.
Am 12. Dezember 1637 informierte Maximilian den Münchner Rat über die geplante Errichtung.
Am 14. Dezember begannen die Bauarbeiten.
Für das neue Monument wurde die ältere Madonna von Hubert Gerhard verwendet.
Sie wurde nun auf eine hohe Marmorsäule gesetzt.
Damit entstand eine Verbindung zwischen zwei verschiedenen Zeiten.
Die Madonna von 1593 wurde zum Mittelpunkt eines neuen Monuments von 1638.
Die alte Figur erhielt damit eine neue Bedeutung.
Sie war nicht mehr nur eine Madonna innerhalb einer Kirche.
Sie wurde zur öffentlichen Schutzpatronin der Stadt und des Landes.
Die Säule selbst wurde aus rotem Untersberger Marmor geschaffen.
Der Sockel besteht aus Marmor und besitzt einen deutlich anderen Charakter als der schlanke Säulenschaft.
Schon durch diese Architektur entsteht eine vertikale Ordnung.
Unten befindet sich der schwere Sockel.
Darüber erhebt sich die Säule.
Ganz oben erscheint Maria.
Am 7. November 1638 wurde die Mariensäule feierlich geweiht.
Die Weihe nahm der Freisinger Fürstbischof Veit Adam von Gebeck vor.
Die Zeremonie war aufwendig.
Hof und Geistlichkeit waren beteiligt.
Reliquien wurden in Prozessionen getragen.
Musik begleitete die Feier.
Die Mariensäule wurde damit nicht einfach nur aufgestellt.
Sie wurde feierlich in ihre religiöse Funktion eingesetzt.
Auch das Datum war bedeutungsvoll.
Der folgende Tag, der 8. November, war der Jahrestag der Schlacht am Weißen Berg von 1620.
Damit verband sich die Weihe der Mariensäule mit einem wichtigen Ereignis der katholischen Seite im Dreißigjährigen Krieg.
Für die Aufstellung erhielt die Madonna eine neue, kostbare Krone.
Diese Krone besitzt eine Besonderheit.
Unter ihr befindet sich eine silberne Reliquienkapsel.
Darin wurden hochrangige Reliquien aufbewahrt.
Dazu gehörte unter anderem ein Teil eines Dorns aus der Dornenkrone Christi.
Auch Reliquien aus Maria Einsiedeln befanden sich dort.
Die Krone war damit nicht nur ein Zeichen königlicher Würde.
Sie erhielt zugleich eine religiöse Funktion.
Die Madonna wurde mit einem Reliquienschatz verbunden.
Das ist für das Verständnis der Mariensäule wichtig.
Denn das Denkmal war offenbar nicht ausschließlich zum Anschauen bestimmt.
Es wurde zu einem Ort der Verehrung und des Gebets.
Schon bald nach der Weihe versammelten sich Menschen an der Säule.
Litaneien wurden gebetet.
Besonders der Samstagabend entwickelte sich zu einer Zeit regelmäßiger Marienverehrung.
Die kirchlichen Behörden mussten diese Aktivitäten teilweise ordnen und regeln.
Auch die Ausstattung des Platzes wurde erweitert.
Eine Balustrade entstand.
Dazu kamen vier bronzene Laternen.
Sie konnten bei den Gebetszeiten entzündet werden.
Die Mariensäule wurde dadurch zu einem festen Bestandteil des öffentlichen religiösen Lebens Münchens.
Der Platz war nicht mehr nur Marktplatz.
Er war auch Marienplatz im religiösen Sinn.
Betrachten wir nun den Aufbau der Mariensäule genauer.
Der unterste Bereich ist der quadratische Sockel.
Er ist schwer, breit und fest.
Seine Form vermittelt Stabilität.
Hier befindet sich die irdische Welt.
Hier finden wir die Inschriften.
Hier befinden sich die Wappen.
Und hier beginnt auch der Kampf gegen das Böse.
Der Sockel kann deshalb als Fundament des gesamten Bildprogramms verstanden werden.
Er steht für die Welt, in der Menschen leben.
Für Staat.
Für Stadt.
Für Herrschaft.
Für Krieg und Bedrohung.
Und für den Wunsch nach göttlichem Schutz.
An den Seiten des Postaments befinden sich zwei aufwendig gestaltete Wappen.
Das eine ist das kurbayerische Wappen.
Es verweist auf Kurfürst Maximilian I.
Die bayerischen Rauten und die pfälzischen Löwen erinnern an die Herrschaft des Hauses Wittelsbach.
Kurhut, Reichsapfel und der Orden des Goldenen Vlieses unterstreichen die fürstliche und kurfürstliche Stellung Maximilians.
Gegenüber befindet sich der österreichische Bindenschild.
Er verweist auf das Haus Österreich und die Habsburger.
Damit wird zugleich die Verbindung zu Maria Anna von Österreich, der zweiten Gemahlin Maximilians, sichtbar.
So stehen am Sockel zwei bedeutende katholische Fürstenhäuser:
Wittelsbach und Habsburg.
Die Mariensäule besitzt damit neben ihrer religiösen auch eine dynastische und politische Ebene.
Die Inschriften ergänzen die bildliche Aussage.
Ein barockes Denkmal spricht nicht nur durch seine Figuren.
Es spricht auch durch seine Worte.
Die Inschriften nennen den Stifter.
Sie nennen Maria.
Und sie formulieren das Anliegen, das mit der Errichtung des Denkmals verbunden war.
Damit entsteht eine Verbindung zwischen Bild und Text.
Die Wappen zeigen, wer hinter dem Denkmal steht.
Die Inschriften erklären, warum es errichtet wurde.
Die Figuren zeigen, was symbolisch dargestellt werden soll.
Besonders auffällig sind die vier bronzenen Heldenputti.
Sie wurden 1641 aufgestellt.
Es handelt sich nicht um die kleinen, spielerischen Engel, die man aus späteren barocken Darstellungen kennt.
Diese Putti sind Kämpfer.
Sie tragen Waffen und Rüstung.
Sie kämpfen gegen vier gefährliche Wesen:
eine Schlange,
einen Basilisken,
einen Löwen
und einen Drachen.
Die Figuren sind voller Bewegung.
Die Engel greifen an.
Die Tiere wehren sich.
Doch am Ende sind die Putti überlegen.
Das Böse wird überwunden.
Die vier Tiere sind der Schlüssel zu einer wichtigen Ebene der Mariensäule.
Sie beziehen sich auf einen Vers aus Psalm 90 beziehungsweise 91.
In lateinischer Fassung lautet er:
„Super aspidem et basiliscum ambulabis, et conculcabis leonem et draconem.“
Auf Deutsch:
„Über Schlange und Basilisk wirst du schreiten, Löwen und Drachen wirst du zertreten.“
Die vier Putti setzen diesen Bibelvers unmittelbar in Bilder um.
Was der Psalm in Worten beschreibt, zeigen die Bronzefiguren.
Der Betrachter sieht den Kampf.
Und er sieht den Sieg.
Damit stellt sich die entscheidende Frage:
Was bedeuten Schlange, Basilisk, Löwe und Drache?
Eine ältere und weit verbreitete Erklärung sieht in den vier Tieren Symbole für die großen Bedrohungen der Zeit:
Krieg.
Pest.
Hunger.
Und Unglaube beziehungsweise Häresie.
Diese Deutung passt auf den ersten Blick sehr gut zur Entstehungsgeschichte.
Schließlich waren Krieg und Pest unmittelbar mit der Geschichte Bayerns in den Jahren vor der Errichtung der Mariensäule verbunden.
Doch die Bildsprache kann noch konkreter gelesen werden.
Im Umfeld der Münchner Gegenreformation gab es Bildprogramme, in denen dieselben vier Tiere bestimmten religiösen Gegnern zugeordnet wurden.
In dieser zeitgenössischen Bildsprache standen sie für:
die Juden,
die Schismatiker,
die Heiden
und die Häretiker.
Diese Zuordnung gehört ausdrücklich zur religiösen Vorstellungswelt des 17. Jahrhunderts und muss heute als historische, konfessionell geprägte Bildsprache verstanden werden.
Die Mariensäule zeigt damit nicht einfach einen allgemeinen Kampf gegen das Böse.
Sie zeigt den Sieg der katholischen Kirche über ihre damaligen religiösen Gegner, wie sie im Zeitalter der Gegenreformation wahrgenommen wurden.
Besonders interessant ist eine Darstellung der Mariensäule aus dem Jahr 1678.
Der protestantische Dresdner Architekt Wolf Caspar von Klengel zeichnete das Münchner Monument.
Zu den vier Engeln notierte er sinngemäß, dass sie die Häresien vertreiben.
Das zeigt:
Die kämpfenden Engel konnten bereits im 17. Jahrhundert als konfessionelles Bildprogramm verstanden werden.
Die Mariensäule war also nicht nur ein persönliches Dankdenkmal.
Sie konnte als Siegeszeichen des katholischen Glaubens gelesen werden.
Über dem Sockel verändert sich die Bildsprache.
Hier befinden sich geflügelte Engelsköpfe.
Es handelt sich um Cherubim.
Ihre Position ist bemerkenswert.
Sie sitzen genau an der Übergangszone zwischen dem quadratischen Unterbau und dem runden Säulenschaft.
Man kann diesen Bereich als eine Schwelle verstehen.
Unterhalb:
die Welt des Menschen.
Herrschaft.
Inschriften.
Wappen.
Kampf.
Oberhalb:
die aufsteigende Säule.
Und schließlich Maria.
Die Cherubim markieren damit symbolisch den Übergang von der irdischen zur himmlischen Sphäre.
Nun beginnt der eigentliche Aufstieg.
Der hohe, schlanke Säulenschaft zieht den Blick nach oben.
Seine Form unterscheidet sich deutlich vom quadratischen Sockel.
Der Sockel ist breit und schwer.
Die Säule ist schmal und aufrecht.
Dadurch entsteht eine klare vertikale Bewegung.
Der Blick wird gezwungen, der Säule nach oben zu folgen.
Die Säule verbindet damit sinngemäß Erde und Himmel.
Sie ist nicht nur Träger der Madonna.
Sie ist zugleich der Weg, auf dem der Blick von der irdischen Welt in die himmlische Welt geführt wird.
Am oberen Ende befindet sich ein reich verziertes korinthisches Kapitell.
Die Akanthusblätter bilden einen kunstvollen Abschluss des Säulenschaftes.
Auch diese Form besitzt eine symbolische Dimension.
Die korinthische Ordnung wurde in der zeitgenössischen Architekturtheorie in besonderer Weise mit der Jungfrau und Gottesmutter verbunden.
Das Kapitell bildet dadurch die letzte architektonische Stufe vor der Madonna.
Unter ihm:
die Säule.
Über ihm:
Maria.
Ganz oben steht die Madonna.
Jetzt ist die Bewegung des gesamten Denkmals abgeschlossen.
Maria steht auf einer Mondsichel.
Sie trägt eine Krone.
In ihrer Hand hält sie ein Zepter.
Auf ihrem Arm sitzt das Jesuskind.
Christus hält die Weltkugel mit dem Kreuz.
Damit erscheint eine völlig andere Welt als am Sockel.
Unten kämpfende Engel.
Oben eine ruhige, überlegene Gestalt.
Unten die Welt der Bedrohung.
Oben die himmlische Ordnung.
Ganz oben steht die Madonna.
Jetzt ist die Bewegung des gesamten Denkmals abgeschlossen.
Maria steht auf einer Mondsichel.
Sie trägt eine Krone.
In ihrer Hand hält sie ein Zepter.
Auf ihrem Arm sitzt das Jesuskind.
Christus hält die Weltkugel mit dem Kreuz.
Damit erscheint eine völlig andere Welt als am Sockel.
Unten kämpfende Engel.
Oben eine ruhige, überlegene Gestalt.
Unten die Welt der Bedrohung.
Oben die himmlische Ordnung.
Maria trägt Christus.
Das Kind ist nicht nur Begleiter der Madonna.
Es besitzt selbst eine starke Symbolik.
Christus hält die Weltkugel mit dem Kreuz.
Die Weltkugel steht für die Welt.
Das Kreuz verweist auf Erlösung und christliche Herrschaft.
Christus erscheint damit als Herr über die Welt.
Maria trägt denjenigen, dessen Herrschaft über der menschlichen Herrschaft steht.
Auch hier findet sich wieder die Hierarchie des gesamten Denkmals.
Ein interessantes Detail der Madonna ist die Darstellung ihres Körpers.
Der leicht hervorgehobene Bauch erinnert an ihre Mutterschaft und an die Schwangerschaft.
Maria wird dadurch nicht nur als abstrakte Himmelskönigin gezeigt.
Sie erscheint zugleich als Mutter Christi.
Die Darstellung verbindet damit zwei Vorstellungen:
Maria als menschliche Mutter.
Und Maria als himmlische Königin.
Auch das entspricht der komplexen Bildsprache des Denkmals.
Die Vergoldung verstärkt den Eindruck des Überirdischen.
Gold steht in der sakralen Kunst für Licht, Herrlichkeit und Kostbarkeit.
Die Madonna hebt sich dadurch deutlich vom roten Marmor der Säule ab.
Der Betrachter erkennt bereits aus großer Entfernung:
Ganz oben befindet sich etwas Besonderes.
Die vergoldete Figur bildet den optischen Mittelpunkt des gesamten Monuments.
Jetzt lässt sich der gesamte Aufbau zusammenhängend betrachten.
Ganz unten befindet sich der quadratische Sockel.
Er steht für die irdische Welt.
Hier finden sich:
Wappen.
Inschriften.
Herrschaft.
Geschichte.
Und die Erinnerung an Krieg und Bedrohung.
Darüber kämpfen die Heldenputti gegen Schlange, Basilisk, Löwe und Drache.
Sie überwinden das Böse.
Dann folgen die Cherubim.
Sie markieren die Schwelle.
Die Säule selbst führt den Blick weiter nach oben.
Das korinthische Kapitell bildet den architektonischen Abschluss.
Und ganz oben steht Maria.
Die Himmelskönigin.
Mit Christus.
Auf der Mondsichel.
Damit kann man die Mariensäule als Aufstieg vom Irdischen zum Himmlischen lesen.
Diese vertikale Ordnung bekommt ihre besondere Bedeutung durch die Zeit ihrer Entstehung.
1638 befand sich Europa noch mitten im Dreißigjährigen Krieg.
Der konfessionelle Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten war nicht nur eine theologische Auseinandersetzung.
Er war mit Politik, Herrschaft und Krieg verbunden.
Bayern gehörte zu den führenden katholischen Territorien.
Die Mariensäule entstand deshalb in einer Epoche, in der religiöse Bilder auch politische Aussagen transportieren konnten.
Die Säule zeigt Maria nicht nur als tröstende Mutter.
Sie zeigt sie als mächtige Schutzpatronin.
Und die kämpfenden Putti machen deutlich, dass der katholische Glaube sich selbst als siegreich und geschützt verstand.
Die Wirkung der Münchner Mariensäule reichte über Bayern hinaus.
Kurfürst Maximilian und Kaiser Ferdinand III. gehörten zur katholischen politischen Welt des Reiches.
Als die Schweden 1645 Wien bedrohten, gelobte Kaiser Ferdinand III. ebenfalls ein öffentliches Marienmonument.
1647 entstand die Wiener Mariensäule.
Wenige Jahre später folgte die Prager Mariensäule.
Damit wurde München zu einem wichtigen Vorbild für eine neue Generation monumentaler Marienstandbilder.
Die Mariensäule war somit nicht nur ein Münchner Ereignis.
Sie gehört in eine gesamteuropäische Entwicklung der öffentlichen Marienverehrung.
Mit der Zeit veränderte sich die Wahrnehmung des Monuments.
Der konfessionelle Kampfgedanke trat allmählich in den Hintergrund.
Die Mariensäule wurde immer stärker als Wahrzeichen Münchens wahrgenommen.
Ihre zentrale Lage spielte dabei eine wichtige Rolle.
Sie wurde zu einem Orientierungspunkt der Stadt.
Auch die von München ausgehenden Straßen wurden mit ihr als zentralem Bezugspunkt verbunden.
So erhielt das Denkmal neben seiner religiösen und politischen Bedeutung eine weitere Funktion:
Es wurde zu einem Symbol der Stadt selbst.
Auch im 20. Jahrhundert blieb die Geschichte der Mariensäule bewegt.
Der Zweite Weltkrieg hinterließ Schäden.
Nach dem Krieg musste das Monument restauriert werden.
Doch nicht der Krieg allein führte zum Abbau.
1967 wurde die Mariensäule wegen des Baus der Münchner U-Bahn abgebaut.
Nach umfangreichen Arbeiten kehrte sie auf den Marienplatz zurück.
Am 10. Oktober 1970 wurde sie wieder enthüllt und geweiht.
1984 wurde die Madonna erneut restauriert und vergoldet.
Damit erhielt München sein Wahrzeichen in erneuertem Zustand zurück.
Heute steht die Mariensäule wieder dort, wo sie seit 1638 das Zentrum der Stadt prägt.
Ihre ursprüngliche Bedeutung hat sich dabei teilweise verändert.
Der Besucher des 21. Jahrhunderts sieht nicht mehr dieselbe politische Welt wie ein Mensch des Jahres 1638.
Doch gerade deshalb ist das Denkmal so interessant.
Es bewahrt die Vorstellungen einer vergangenen Epoche.
Es zeigt, wie eng Religion, Politik und Herrschaft im 17. Jahrhundert miteinander verbunden waren.
Es zeigt, wie ein Fürst seine Stadt und sein Land unter den Schutz Marias stellen konnte.
Und es zeigt, wie religiöse Bilder zugleich politische Botschaften transportierten.
Betrachtet man die Mariensäule als Ganzes, ergibt sich ein klarer Aufbau.
Unten die Erde.
Der quadratische Sockel.
Die Wappen.
Die Inschriften.
Die Welt von Staat und Gesellschaft.
Darüber der Kampf.
Die vier Heldenputti.
Schlange.
Basilisk.
Löwe.
Drache.
Das Böse wird überwunden.
Dann die Schwelle.
Die Cherubim.
Die Welt der Engel.
Darüber der Aufstieg.
Die hohe Marmorsäule.
Das korinthische Kapitell.
Und schließlich der Himmel.
Maria.
Christus.
Die Mondsichel.
Krone und Zepter.
Die himmlische Ordnung.
Die Mariensäule ist deshalb weit mehr als eine vergoldete Madonna auf einer hohen Säule.
Sie ist ein Denkmal, das man lesen kann.
Von unten nach oben.
Vom Irdischen zum Himmlischen.
Der quadratische Sockel steht in der Welt von Staat, Herrschaft und Geschichte.
Die Wappen erinnern an Wittelsbach und Habsburg.
Die Inschriften geben dem Monument eine Stimme.
Die vier Heldenputti führen den Kampf gegen Schlange, Basilisk, Löwe und Drache.
Sie machen den Psalm 90 beziehungsweise 91 in Bronze sichtbar.
Die Cherubim markieren den Übergang zu einer höheren Sphäre.
Die Säule selbst führt den Blick nach oben.
Das korinthische Kapitell bildet die letzte architektonische Stufe.
Und schließlich erscheint Maria.
Gekrönt.
Mit dem Zepter.
Auf der Mondsichel.
Mit dem Jesuskind.
Ganz oben befindet sich damit die himmlische Welt.
Und genau darin liegt die besondere Wirkung der Mariensäule.
Sie verbindet Erde und Himmel, Geschichte und Glauben, Herrschaft und Marienverehrung.
Sie erinnert an eine Zeit, in der ein öffentliches Denkmal zugleich religiöses Bekenntnis und politisches Zeichen sein konnte.
Und sie bewahrt diese Geschichte bis heute mitten im Herzen Münchens.
Wer die Mariensäule nur von weitem betrachtet, sieht ein Wahrzeichen.
Wer sie genauer betrachtet, entdeckt ein komplexes Bildprogramm.
Und wer es von unten nach oben liest, erkennt:
Die Mariensäule ist ein Weg vom Irdischen zum Himmlischen.