St. Ludwig

Straße / Hausnr. Ludwigstraße 2 (80539 München)

Katholische Universitätskirche

Architekt: Friedrich von Gärtner

Ausstattung
  • Zweitgrößtes Altarfresco der Welt von Peter Cornelius

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Eine Weltsensation in St. Ludwig

- so könnte man die Ausstellung mit den Messbildfotos der Kartons für den figürlichen Freskenschmuck von St. Ludwig überschreiben: 18 Fotografien von den Entwürfen, die die Künstler in einem komplizierten Prozess direkt auf den nassen Putz in Gewölbe und Querhäuser übertrugen. Sie stammen von Peter von Cornelius und seinen Schülern, allen voran Carl Heinrich Hermann. Hier sind Kartons und ausgeführte Fresken zum ersten Mal nach 150 Jahren wieder in räumliche Nähe zueinander gerückt, was bei kaum einem großen Freskenprojekten des 19. Jahrhunderts überhaupt möglich ist: In der Glyptothek wie in der Alten Pinakothek ist der Freskenschmuck unwiederbringlich verloren, ebenso wie in der Berliner Nationalgalerie oder der Allerheiligenhofkirche. Die Kartons von St. Ludwig lagern seit etwa 100 Jahren zusammengerollt in verschiedenen Depots der Staatlichen Museen Berlin, nach Größe geordnet und mit Inventarnummern des Kupferstichkabinetts versehen.

Als Cornelius 1841, enttäuscht von Ludwigs I. Reaktion auf die Ludwigskirche, nach Berlin ging und dort mit offenen Armen von König Friedrich Wilhelm IV. empfangen wurde, nahm er seine Entwürfe und Zeichnungen mit, und sein Lieblingsschüler Carl Hermann folgte ihm. 1859 wurden die Kartons mit anderen Werken von Cornelius in einer großen Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste gezeigt. Cornelius, dessen Ruhm zur Mitte des 19. Jahrhunderts gar nicht hoch eingeschätzt werden kann, wurden die beiden riesigen Mittelsäle der 1876 fertig gestellten Nationalgalerie in Berlin gewidmet, die ursprünglich vom zentralen Mittelgeschoss bis ins Dach reichten. Im ersten Corrielius-Saal hingen unsere beiden großen Querhauskartons urid das „Jüngste Gericht", die Evangelisten-Bilder aus dem Querhausgewölbe sowie die „Patriarchen und Propheten" und die „Kirchenlehrer und Ordensstifter" aus dem Vierungsgewölbe. Im zweiten Cornelius-Saal zeigte man die Kartons zur Glyptothek und andere Werke.

Doch Peter von Cornelius, der 1867 gestorben war, geriet später zwischen alle Geschmacksfronten. Er hatte weder in Kaiser Wilhelm II. einen Fürsprecher, der Riesenbilder wie den „Einzug Kaiser Wilhelms des Siegreichen" vor die asketischen, fein gezeichneten Kartons hängen ließ, noch in Hugo von Tschudi, den gefeierten Berliner Nationalgaleriedirektor und Entdecker der französischen Impressionisten, der im Zusammenhang mit der Jahrhundertausstellung von 1906 Stoff über die großformatigen Kartons spannen ließ und darüber Bilder von Feuerbach, Schuch, Segantini und Klinger präsentierte.

Wahrscheinlich 1907 wurden die Kartons abgenommen und zusammengerollt in die Depots gebracht. 1936 wurden in die hohen Säle dann Glasdecken eingezogen, ein Eingriff, der während der Amtszeit von Wolf-Dieter Dube durch Betondecken irreversibel gemacht wurde. Die Kartons hatten keine Heimat mehr.

Nur die Kunde von Ihnen geisterte durch die kunsthistorische Literatur. Noch Frank Büttner, der für seine groß angelegte Cornelius-Monografie nach ihnen forschte, durfte in Berlin, damals noch in Ost und West geteilt, lediglich die langen Rollen von außen sehen und stieg zwischen ihnen herum.

Auch wir antichambrierten seit März 2009 im Kupferstichkabinett auf dem Kulturforum (ehem. West) wie in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel (ehem. Ost), da ihre Kenntnis für die Restaurierung der Fresken unerlässlich ist. Ob sie bei der Restaurierung der Ludwigskirche von 1903/04 noch von den Restauratoren zu Rate gezogen wurden, ist nicht ganz klar. Bei der Restaurierung unter Erwin Schleich in den 50er-Jahren standen die Kartons aber sicher nicht als Vorlage zur Verfügung.

Im September 2009 durften wir nach einer Besprechung, in der Herr Pfarrer Babinsky und ich unser Anliegen persönlich erklärten, eintauchen in die Depots unter dem Pergamonmuseum. Hier, angesichts der etwa 7 m langen, schmalen Rollen, auf denen handgeschriebene Zettel von mehreren Werken des 19. Jahrhunderts kündeten, verstanden wir das Zögern der Museumsleute - es versprach wirklich aufwendig zu werden, wollte man diese Rollen auswickeln. Seit etwa 100 Jahren waren sie ungünstigen Klimaverhältnissen, zwei Weltkriegen und der deutschen Teilung ausgesetzt, und keiner konnte sich vorstellen, was passierte, wenn man die fragilen Papierarbeiten ausrollte.

Inzwischen konnte ich auch die Kartons von Carl Hermann im Kupferstichkabinett identifizieren und eindeutig zuweisen. Sie waren in den Berliner Inventaren unter „Unbekannt" verzeichnet. Hier war nicht nur der Malername, sondern auch das Sujet verloren gegangen. Drei der Kartons hatte Peter von Cornelius seiner Mäzenin Emilie Linder geschenkt, sie werden mit einer Inventarnummer von 1841 im Kupferstichkabinett in Basel aufbewahrt. Nur der Karton für die „Apostel und Märtyrer" im Vierungsgewölbe, von Moralt und Halbreiter, taucht schon im 19, Jahrhundert nicht mehr auf und befindet sich nicht unter den Rollen in Berlin.

Angesichts dieser Erfolge ließen wir nicht locker, fanden Unterstützung im Berliner Generaldirektor Dr. Michael Eissenhauer, dem von einer absoluten Haushaltssperre die Hände gebunden waren, und im Kunstreferat der Erzdiözese, wo Dr. Jocher versprach, Kosten zu übernehmen, und planten das Fotografieren.

Unter der Leitung des Berliner Restaurators Roland Enge wurde nach Räumen gesucht, in denen die großformatigen Kartons und die notwendigen Gerüste für die Fotografen überhaupt Platz fänden. Eine Scheune außerhalb Berlins wäre groß genug gewesen, doch nicht heizbar, somit klimatisch und sicherheitstechnisch äußerst bedenklich. Andere Berliner Museumsräume waren nur über Treppen erreichbar, durch deren Spindel die langen Rollen nicht gepasst hätten. Schließlich fand sich ein Zeitfenster, in dem ein großer Raum im Untergeschoss des Kulturforums zur Verfügung stand. Doch konnten die Fotografen der Messbildstelle das Stützenraster von 6 x 6 m durchs Fotografieren in zwei Etappen digital ausgleichen? Was würde passieren, wenn man die Papierrollen ausrollte und so die ihnen seit etwa 100 Jahren aufgezwungene Spannung löste? Würden sie uns entgegenbröseln?

Wir gingen vom Schlimmsten aus, erwarteten Mäusenester und irreparable Schäden und wurden positiv überrascht. Die Technik der Künstler des 19. Jahrhunderts, mit Kohle auf zusammengesetzte Papierbahnen zu zeichnen und diese dann mit Knochenleim auf Leinwand aufzuziehen, erwies sich als extrem belastbar. Die in der Kirche gezeigten Fotos im Maßstab 1:10 offenbaren sehr unterschiedliche Schadensbilder. Deutlich lässt sich aber der Arbeitsprozess der Freskanten ablesen, denn wer genau hinschaut, entdeckt in den Rahmenleisten viele Löcher vom Anpinnen an die Wand, oder Flickstellen um einzelne Figurengruppen, dort wo die großen Kartons in sinnvolle Tagwerke für einen Maler geteilt wurden.

Diese Kartons verraten viele Geheimnisse, nicht nur dass Peter Cornelius im Gefolge der Heiligen Drei Könige ein Kamel vorsah, sondern auch über den Arbeitsprozess, die Sammlungs- und Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts sowie die Theologie einer kurzen Epoche.

Ihnen ist eine sorgfältige Restaurierung zu wünschen.

Katrin Pollems-Braunfels
 

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St. Ludwig

Quellen

  • Eine lebendige Pfarrgemeinde - St. Ludwig in München:
    Helmut Hempfer zum achtzigsten Geburtstag
    Babinsky Ulrich (1992)
  • St. Ludwig in München
    150 Jahre Pfarrei 1844-1994
    Hempfer Helmut, Pfister Peter (1994)
  • St. Ludwig München
    Pfister Peter (2000)

Baudenkmäler

NameStraßeStadtteil
St. Ludwig (Gärtner Friedrich von)Ludwigstraße 203. Maxvorstadt – Schönfeldvorstadt

Münchner Geschichte

Verwandte Begriffe

St. Ludwig Ludwigskirche